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1.3 Freiheit braucht Zeit

Meine Freiheit ist eng mit der Zeit verknüpft. Mit meiner Freiheit entscheide ich, wie ich die Zeit ausfülle, die mir zur Verfügung steht. Ich kann mich nicht aus der Zeit verabschieden. Ich muss mit ihr zurechtkommen. Seit die Menschen ihre Berufsausbildung selbst wählen können, es keine Heiratsvorschriften mehr gibt, tausende von Urlaubszielen locken, alle wichtigen Informationen und jeder Spielfilm über das Internet zugänglich sind, ist meine Freiheit geradezu grenzenlos geworden. Die Konsequenz ist allerdings, dass ich für alle Möglichkeiten zu wenig Zeit habe.
Die Zeit ist aber Voraussetzung, damit ich meine Freiheit umsetzen kann. Denn frei bin ich, wenn ich mich entscheide, für einen bestimmten Beruf, für eine Partnerschaft, für Kinder, für eine Fortbildung, für ein soziales Engagement oder für das Komponieren, das Schreiben, das Malen. Erst wenn ich entscheide und meine Entscheidung auch umsetze, tritt meine Freiheit aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit. Ohne Zeit wird meine Freiheit nicht wirklich. Die Zeit gibt den Rahmen vor, in dem ich frei werden kann. Ich bin nicht nur frei, Maurer oder Lehrer zu werden, nach Teneriffa oder nach Neuseeland zu verreisen, sondern frei, meinem Leben eine bestimmte Gestalt zu geben. In der Zeit entsteht erst meine Biografie. Sie bliebe vage, wenn ich nicht etwas Bestimmtes in die Hand nähme und umsetzen würde. Das heißt konkret, dass ich im Beruf Verantwortung übernehme, mich auf eine Partnerschaft einlasse, Kinder groß ziehe, ein Musikstück komponiere, ein politisches Amt übernehme oder mich in einem Entwicklungsland einer Aufgabe stelle, mich mit meiner Meinung und meinen Wertvorstellungen in der Politik, in einer Kirchengemeinde, bei den Gewerkschaften, in einem Berufsverband einbringe. Sich für etwas entscheiden und es dann auch umsetzen, das verwirklicht meine Freiheit.

Die Zeit ist also Bedingung für meine Freiheit, ohne Zeit bleibt die Freiheit in der Möglichkeit stecken. Mein Umgang mit der Zeit ist also konkrete Freiheitspraxis. Wenn es mir um meine Freiheit geht, dann muss ich gut mit meiner Zeit umgehen. Zeitmanagement ist in der Späten Moderne nicht nur deshalb dringend geworden, weil jeder mit der Vielzahl der Aufgaben und der Vielzahl der Möglichkeiten besser zurechtkommen muss, sondern weil es wie in jeder Generation um die Selbstverwirklichung jedes einzelnen geht. Dazu fordert jeden einzelnen die eigene Freiheit auf, nämlich sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Da der Mensch nicht durch Instinkte gesteuert wird, liegt das Besondere seines Lebens darin, die eigene Freiheit umzusetzen. Daraus folgt für unsere Epoche, mit der Zeit zielgerecht umzugehen. Generationen vor der unseren mussten sich erst einmal die freie Berufs- und Partnerwahl erkämpfen, sie mussten Bildungshindernisse beiseite räumen. Auch der Einsatz gegen Seuchen und den frühen Kindstod war Kampf für die Freiheit. 

Resümee:
Die Zeit ist nicht nur etwas, das wir irgendwie verbringen, sondern sie ist Bedingung unserer Freiheit. Erst wenn wir konkret entscheiden und die Entscheidung dann auch umsetzen, wird unsere Freiheit wirklich. Meine Freiheit und nicht nur die Vielzahl der Möglichkeiten in der Späten Moderne erfordern einen sorgfältigen Umgang mit der Zeit.

Wie kann es aber gelingen, Zeitorganisation nicht als Korsett zu konstruieren, dem wir uns jede Minute unterwerfen müssen, sondern Zeit so einzuteilen, dass Freiheit wirklich werden kann?