Ergebnisse der Fachtagung „Religiosität nach dem Ende der (Post-)Moderne“ am 04.09.07 in Frankfurt
Auf einer Tagung in Frankfurt/M. am 4. September 2007, veranstaltet von WQManagement und weiterbildung live, fand ein intensiver Austausch zu aktuellen pastoralen und gesellschaftlichen Entwicklungen statt. Mitarbeiter verschiedener Bistümer sowie kirchlicher Einrichtungen und Fachreferenten kamen miteinander ins Gespräch. In der gemeinsamen Arbeit wurden Ideen und Handlungsansätze entwickelt. Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der Tagungsergebnisse:
Personaleinsatz
Es ist deutlich, dass Seelsorger nicht zu allen Bevölkerungsgruppen, die in den 10 Sinus-Milieus beschrieben werden, Zugang finden können. Deshalb sollten jeder pastorale Mitarbeiter, jede pastorale Mitarbeiterin in Zukunft bei den Zielgruppen eingesetzt werden, zu denen sie einen „Draht haben“. Das muss bei Personalverteilung berücksichtigt werden.
Liturgie
Für die Vielgestaltigkeit der Gesellschaft braucht es eine Vielgestaltigkeit der Liturgie. Das pastorale Angebot sollte an konkrete Kirchen angebunden sein, damit bestimmte Zielgruppen die Seelsorger finden, zu denen sie einen Bezug haben und die entsprechende Liturgie über eine Zuordnung zu einzelnen Kirchen finden können.
Seelsorgliche Begleitung sollte sich nicht nur auf die klassischen Sakramente beziehen, sondern sich gezielt an Lebenswenden und Übergangssituationen (Schulwechsel, Berufswechsel, neue Lebensphasen, Beziehungsereignisse) ausrichten. Ein erster Schritt ist es, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und daraus die Formen zu entwickeln, die der konkreten persönlichen Situation entsprechen.
Die Eucharistie erfordert von der feiernden Gemeinde den neuen Blick, dass sie stellvertretend für alle feiert – auch für die, die nicht da sind.
Vielfalt in der Glaubensvermittlung und der Spiritualitäten
Im Mittelalter gab es sehr viel größere territoriale Einheiten mit einer Vielfalt von Liturgien und Spiritualitäten, die damals auch bedient wurden.
Derzeit gibt es viel Kommunikation über Strukturen, aber zu wenig Austausch über Inhalte, über Glaubensfragen und spirituelle Fragestellungen. Das entspricht nicht der Situation in der Postmoderne. Es gibt viele Menschen, die nach einem Sinn suchen und die auch vieles ausprobieren – die Kirchen sind nicht alleinige Anbieter von Antworten auf diese Fragen. Diese Suche nach Lebenssinn kann als Auftrag für die christlichen Kirchen gesehen werden, offen zu sein und auch auszuhalten, dass es auch nur punktuelle Kontakte statt kontinuierlicher lebenslänglicher Begleitung gibt.
Bei der Begleitung kommt es darauf an, dass die Menschen auf ihrer Suche Authentizität, Geradlinigkeit, Gerechtigkeit in ihrem Gegenüber erleben. Es gibt eine Sehnsucht nach Nähe zur Schöpfung, Kontakt zur Natur. In Gottesdiensten ist daher umso mehr das persönliche Zeugnis gefragt. Das Charisma von Menschen spielt eine ausschlaggebende Rolle für die Wirkung der Themen, zu denen sie sich äußern.
Vielen Menschen fehlt es an inhaltlichen Grundinformationen – sie brauchen Medien, die das nicht in einer Fachsprache anbieten und Menschen, die sie auf dem Glaubensweg begleiten.
Abschied vom pfarrlichen Territorialprinzip
Das Territorialprinzip der katholischen Kirche ist das Bistum. Dass die bischöfliche Verwaltung auch ein territoriales Pfarrprinzip garantierten konnte, ist eine Entwicklung er letzten 200 Jahre. Das Prinzip kann nicht mehr durchgehalten werden. Die Geschichte zeigt, dass es unterschiedliche Modelle gibt. So war in der Antike der Bischof faktisch der Pfarrer seiner Stadt. Er hatte allein das Predigtrecht. Pfarrleben wurde im frühen Mittelalter durch Klöster und dann durch die Stifte aufgebaut, die jeweils ein Territorium seelsorglich betreuten. Heute könnte man dazu übergehen, dass es für eine Stadt bzw. einen Landkreis nur einen Pfarrer gibt und innerhalb eines Territoriums sollten vielfältige seelsorgliche Angebote gemacht werden. Die Pfarrei, deren Mitglieder durch die Zuordnung einzelner Straßenzüge bestimmt sind, hat in der Stadt keine soziologische Basis mehr. Eine theologische Notwendigkeit für dieses Territorialprinzip gibt es nicht.
Referenten waren Prof. Dr. Rainer Berndt S.J. der als Kirchenhistoriker einen Überblick über die Seelsorgsorganisation der Kirche gab. Dr. Eckhard Bieger S.J., Trainer bei weiterbildung live, zeigte auf, dass ein Festhalten an den Planungstechniken der siebziger Jahre zu großen Spannungen und gesundheitlich nicht mehr verkraftbaren Belastungen führt. Wolfgang Fischer, Liturgiereferent des Bistums Mainz, gab eine Ausblick auf die Vielfalt der Liturgien, die der Eucharistie einen neuen Stellenwert geben werden. Dr. Elmar Nass vom Lehrstuhl für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Bonn, zeigte anhand neuer Umfragen, dass offensichtlich die Beliebigkeit der Postmoderne bei der jüngeren Generation auf Widerstand stößt und das christliche Menschenbild von der Kirche offensiver ins Gespräch gebracht werden muss.