Sinus – Ende der Pfarrei
Das zentrale Problem der katholischen Pfarrei, der Rückgang der integrierenden Bevölkerungsgruppe 1985 wurde von einem Soziologen in Bamberg eine Erhebung gemacht, die ebenso wie die Studien des Sociovision-Sinus-Instituts auf die Lebensentwürfe abzielte. Gerhard Schulze hat die Ergebnisse in „Die Erlebnisgesellschaft“ veröffentlicht. Ein wichtige Maßzahl, die für die katholische Seelsorgsorganisation der katholischen Kirche von großer Bedeutung ist, zeigt der Vergleich von zwei Zahlen: Die Mitte der Gesellschaft ist von 44% auf 14% zurückgegangen. Schulze nannte die Gruppe in der Mitte der Gesellschaft „Integrationsmilieu“ Es sind die Menschen, die sich in Vereinen engagieren, in Kindergartenbeiräten, Schulpflegschaften und kirchlichen Gremien aktiv werden und die auch von ihrem beruflichen Hintergrund her mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen „können“. Es ist die gleiche Gruppe, die in den Sinusgrafiken „Bürgerliche Mitte“ heißt. Sie ist nicht mehr integrativ tätig, denn die Menschen spüren, dass sie zu wenige sind, um die anderen Milieus zu integrieren.Deshalb schotten sie sich ab und machen in vielen Fällen die Pfarrei zu dem Lebensraum, der „ihnen gehört“. Als Mitte der Gesellschaft wissen sie unbewusst, dass sie „richtig liegen“und eigentlich alle anderen von der Normalität abweichen. Denn in der Mitte fühlt man instinktiv, dass man die Norm darstellt, die anderen Milieusweichen auf ihre Weisevon der Norm ab. Daher kommteine gewisse Überheblichkeit, die jedoch immer mehr mit Angst gepaart ist, dass sie nicht mehr, obwohl sie eigentlich auf dem richtigen Weg sind, die Richtung bestimmen können. Die Auflösung der Volksparteien ist eines der Symptome, die Auflösung des Pfarrprinzips ein anderes. Weil alle anderen Milieus sich um die Mitte gruppieren, müssten sie sich entweder auf die Mitte zubewegen, um integrierend wirken zu können, oder sie müssten ihren Platz in der Gesellschaft zur neuen Mitte erklären und diesen Anspruch auch durchsetzen. In den USA ist die Entwicklung wohl ganz anders verlaufen. Die Ergebnisse der letzten Präsidentenwahl zeigen, dass es in den jeweiligen Wahlbezirken entweder eindeutige Mehrheiten für den Kandidaten der Republikaner oder für den der Demokraten gab. Die Gesellschaft hat sich hier in zwei Lager auseinander entwickelt, die sogar, das zeigt der Vergleich mit früheren Wahlen, in solche Countys gezogen sind, wo sie mit Gleichgesinnten zusammenleben können, denn früher waren die Abstände zwischen den Stimmen wesentlich geringer als heute. Für Deutschland geht die Differenzierung wohl weiter. Die neue Milieuaufteilung des Sociovison-Institutes in Heidelberg bleibt zwar bei 10 Milieus, unterteilt aber drei Milieus in zwei Untergruppen, die auch als eigene Lebenswelten geführt werden könnten, so dasses faktisch 13 unterschiedliche Milieus sind, mit denen man die Lebensweltender Bundesrepublik erfassen kann. Das Internet ermöglicht die Ausbildung sehr viel kleinerer Lifestyle-Gruppen.
Konsequenzen für die Pfarrei Versteht man die Pfarrei als Kommunikationssystem, so ist dieses stark an der Familie orientiert. Krabbelgruppen, Kindergarten, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, Familienkreise, Goldene Hochzeit, Begräbnis beschreiben die typische Biographie der Milieus, die die Pfarrei anspricht: Traditionsorientierte, Bürgerliche Mitte, Postmaterielle. Hinzu kommen die meist konventionelle Musikauswahl für die Gottesdienste, ein Sprachstil, der bei den jüngeren Milieus nicht gepflegt wird und Präferenzen für eine bestimmte Mode, die in den jungen Milieus kaum Anhängerinnen hat. Die Kommunikationskultur der Pfarreien ist nur noch für wenige Milieus kompatibel, weil es eben den „Katholiken“ nicht mehr als Lebensstil gibt, sondern auch die Katholiken sich den verschiedenen Lifestyle-Konzepten zuordnen und viele daher nicht mehr „Pfarrei-kompatibel“ sind. Die Pfarrei, so wie sie nach den napoleonischen Kriegen entwickelt wurde, kann trotz ihres großen Erfolges nicht mehr die Basis für die Seelsorge in einer Gesellschaft sein, die durch die Sinusmilieus beschrieben wird.
Seelsorgsbereiche und Spezialisierung Wenn in der bisherigen Pfarrei nur wenige Hauptamtliche tätig waren, dann konnten und können sie auch nur wenige Milieus erreichen. Denn niemand ist psychisch und kräftemäßig in der Lage, mehr als zwei, vielleicht drei oder auch vier Milieus anzusprechen. Deshalb müssen größere Einheiten mit größeren Teams eingerichtet werden, damit die Seelsorge differenziert werden kann. Die Hauptamtlichen können dann so eingesetzt werden, dass sie für die Zielgruppen arbeiten, zu denen sie „einen Draht“ haben. Das ist vergleichbar mit einer spätmittelalterlichen Stadt mit ihren verschiedenen Ordensgemeinschaften. Auch wenn deren Kirchen eng zusammen lagen, waren es andere, die zu den Franziskanern gingen als zu den Karmeliten oder Augustinern.
Dass der Personaleinsatz anders geplant werden muss als bisher, ist durch die Ablösung der Moderne durch die Postmoderne bedingt, s. dazu Personaleinsatz-Charismen.
|