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Personaleinsatz auf der Basis einer Ausbildung oder eines Charismas
Wir leben zwischen zwei Epochen, auch in der katholischen Kirche. Abgeschlossen wird die Epoche, die wir als Neuzeit, als Moderne bezeichnen. In der katholischen Kirche wurde sie durch das Konzil von Trient geprägt. Auch wenn das II. Vatikanische Konzil als neuer Aufbruch erlebt wurde, es ist noch ganz von dem Geist der Moderne geprägt. Das zeigt sich daran, dass es noch ganz dem Fortschrittsoptimismus verhaftet ist. Allerdings löst es die engen Strukturen der Trienter Kirchenkonzeption und es versteht die Kirche nicht mehr als eine societas perfecta, eine sich selbst verwaltende Gesellschaft in der Gesellschaft, sondern integriert sie mit der Gesellschaft. Gaudium et Spes, das Konzilsdokument von der Kirche in der Welt von heute, ist insofern schon ein postmodernes Dokument. In der Postmoderne sind wir angekommen und leben aber immer noch von den Strukturen, deren Fundamente Trient und dann noch einmal der Aufbruch der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert, gelegt haben. Was ist der Grundgedanke der Moderne, der nicht mehr funktioniert?
Bereits Luther hat ihn entwickelt: Es kommt auf ein Prinzip an, von dem alles andere abhängt. Bei Luther ist es die Rechtfertigung, bei Kant der Gebrauch der Vernunft, bei Marx der Gegensatz von Kapital und Arbeit, der im Sozialismus überwunden wird. Die Moderne ist davon gekennzeichnet, dass sie immer wieder eine neue Zentralidee mit dem Versprechen formuliert, dass damit die Lösung aller Probleme kommen werde. Damit die Gesellschaft zum Besseren verändert wird, braucht es klare Zielvorgaben, die planmäßig umgesetzt werden. Die Fünfjahrespläne der alten DDR sind aus dieser Konzeption zu verstehen. Mit der Moderne taucht im 19.Jahrhundert die Idee auf, dass eine Gesellschaft, die die bisherigen Probleme nicht weiter mit sich schleppen will, einen „Neuen Menschen“ braucht. Diese Idee findet sich bereits im Neuen Testament. Die Moderne akzentuiert die Vorstellung vom Neuen Menschen jedoch anders, nämlich dass die Gesellschaft diesen durch Erziehung hervorbringt. Der Nationalsozialismus hatte eine rückwärtsgewandte Version, nämlich den Menschen für die aufzubauende moderne Gesellschaft in dem Erbgut zu finden, während der Kommunismus mehr zukunftsorientiert diesen durch Erziehung hervorbringen wollte. Daher lässt er die Erziehung der Kinder bereits in der Krippe beginnen. Die katholische Kirche hat sich, nach den Auseinandersetzungen mit den Reformatoren, auf dem Trienter Konzil (1545-63) zu einem Einschwenken auf die modernen Herausforderungen verständigt. Das Konzil leitet eine planmäßige Reorganisation der nach dem Ende des Mittealters zerfallenen katholischen Kirche ein, die die Reformatoren bereits in Gang gesetzt hatten.
Planvolle Seelsorge Planung zieht in die katholische Seelsorgsorganisation ein. Es werden Kampagnen für die Volksfrömmigkeit systematisch durchgeführt, so die Fastenpredigten, Wallfahrten, das Rosenkranzgebet, die Herz-Jesu-Verehrung, das Gebetsapostolat. Solches planmäßige Vorgehen hatte es auch schon früher gegeben, so hat Karl d.Gr. systematisch den Aufbau der Reichskirche betrieben, indem er z.B. die Kleriker verpflichtete, Lesen und Schreiben zu lernen. Kirchsprengel wurden durch den Bau von Kirchen gefördert. Die katholische Missionsbewegung des 19.Jarhdnerts, vor allem in Afrika, stellt die Schule ins Zentrum ihrer Strategie. Aber was im Mittelalter anders als nach Trient und vor allem seit der Mitte des 19.Jahrhunderts war: Es gab eine bunte Vielfalt, die sich in den vielen Bruderschaften und Ordenskirchen mittelalterliche Städte zeigt. Diese liegen nicht inmitten eines Pfarrsprengels, sondern oft nur wenige Meter auseinander. Anders als nach Trient wurde die Kirche im Mittelalter nicht von planvollem Vorgehen geprägt, sondern von immer wieder entstehenden Spiritualitäten.
Der Neue Mensch und das Trienter Priesterseminar Die Idee des Neuen Menschen, der einheitlich für die ganze katholische Kirche herangebildet werden sollte, realisierte sich in dem von Trient geschaffenen Priesterseminar. Vorher gab es keinen einheitlichen Ausbildungsgang für zukünftige Priester, diese wurde meist von Stiften getragen. Die Dominikaner und Franziskaner gründeten Universitätskollegien, in denen Lehrer und Studenten zusammen lebten. In dem mittelalterlichen System gab es „Exzellenz-Hochschulen“, z.B. in Paris und Bologna. Die Ausbildung des Klerus, vor allem auf dem Lande, war nicht gesichert. Das änderte Trient. Man kann die Leistung daran ablesen, dass es für einen Jungen, der in einem Dorf aufgewachsen war, praktisch nur den Priesterberuf als akademische Laufbahn gab, denn er musste ja irgendwo ein Gymnasium mit Internat besuchen können. Diese betrieb die Kirche. Erst die Bildungsreform der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts eröffnete der Landbevölkerung die Chancen für ein Universitätsstudium. Was wir von Trienter Konzeption noch mittragen, ist die Idee des einheitlich ausgebildeten und religiös geformten Klerus, der in der nach einem einheitlichen Plan aufgebauten Kirchenstruktur in jedem Sprengel einsetzbar sein sollte. Die GemeindereferentInnen, weniger die PastoralreferentInnen werden nach dem gleichen Schema ausgebildet.
Die Postmoderne Inzwischen ist die Gesellschaft in der Postmoderne angekommen. Diese verlangt nicht nur mit ihren heute bereits 10 verschiedenen Lebenswelten, die auf den Karten des Microm-Instituts nach Straßenzügen verortet werden, Verschiedenheit, so wie es in den mittelalterlichen Städten die verschiedenen Bruderschaften und Orden mit ihren Altären und Kirchen gab. Auch die Planungsmuster der Moderne funktionieren nicht mehr, nicht nur die Fünf-Jahres-Pläne der alten DDR gingen nicht in Erfüllung, selbst die Kampagnen von Misereor und Adveniat greifen immer weniger. Das liegt daran, dass die Moderne sich sozusagen selbst in die Postmoderne transformiert hat. Man kann sich das am Volkswagen klar machen, Trabi und Wartburg fuhren nach dem gleichen Prinzip. Wenn die Volksgenossen im Nationalsozialismus gleich waren, dann entsprach dem Menschentyp eben ein Autotyp, daneben gab es weiter den Mercedes für die Oberschicht, in der DDR war das der Volvo. Nun gibt es aber in einer Marktwirtschaft für andere Anbieter eine Chance, die diese genutzt haben, z.B. ausländische Hersteller. Wenn diese erfolgreich sein wollten, konnten sie nicht einen zweiten Volkswagen bauen, sondern mussten eine Käufergruppe ansprechen, die eine andere Lebensphilosophie entwickelt hatte, die sich nicht mit einem Käfer darstellen ließ. BMW war der erste Autobauer, der nicht mehr alle ansprechen wollte, sondern eine jüngere, leistungsorientierte Zielgruppe, die sich abheben, aber keinen Mercedes kaufen wollte. Bis heute ist der meistverkaufte BMW in die Dreier-Reihe, bei Mercedes die E-Klasse, die eine Stufe höher rangiert. Nicht nur Automarken, auch andere Marken haben sich in Nischen Käufergruppen gesucht und diese dann aufgebaut, getragen vor allem durch die Frauenzeitschriften, die sich entsprechend der Differenzierung der Lebensstile vermehrt haben. Eine anderer Motor der Differenzierung sind die Fernsehserien, die ja ihre Helden meist mit einer Automarke ausstatten. Die Fernsehforschung weißt genau, welche Lebenswelten welche Seriensujets bevorzugen, denn die Sender müssen ja die Werbeplätze an die Markenartikler verkaufen, die die Serie als Zuschauer vor dem Schirm versammelt.
Was folgt daraus für die Planungsüberlegungen der katholischen Kirche: Sie braucht spirituelle Designer wie einen Franziskus oder Ignatius, die jeweils auf einen Lebensstil hin eine Spiritualität entwickeln. Und sie braucht aus allen Milieus Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Das spricht für das Seelsorgsmodell des Hochmittelalters. Dass die religiöse Kultur sich wieder der des Hochmittelalters annähert, zeigt sich an der Neubelebung der Wallfahrten, nach Santiago de Compostela und zu anderen Orten. Zudem bleiben die Grundfunktionen tragfähig: Die Menschen suchen den Segen der Kirchen bei Lebenswenden, ob Taufe, Einschulung, Schaulabschluss, Eintritt ins Berufsalter, Hochzeit, Pensionierung, silberne, goldene Hochzeit u.a. Die Bibel zeigt ihre vitale Kraft auch in der Postmoderne. Religiöse Bildung ist gefragt. Bis dafür die neuen Formen der Vermittlung gefunden sind, leistet Wikipedia seine Dienste, die nicht unersetzlich bleiben sollten. Aber Wikipedia deutet die Richtung an: Wissensinhalte über Glaube und Kirche suchen die Menschen zuerst im Netz, die Veranstaltungen, d.h. wenn Menschen zusammen kommen, werden wohl eine neue Struktur brauchen.
Das Internet wird auch die Seelsorge ändern Neue Strategien für den Aufbau von religiöser Vergemeinschaftung, von Spiritualität und auch von religiöser Unterweisung können heute mit den Tools des Internets nicht nur kostengünstig, sondern vor allem nahe an den jüngeren Zielgruppen aufgebaut werden. Wahrscheinlich finden sich über das Internet auch eher die Charismen, mit denen die Kirche die verschiedenen Milieus ansprechen und neue Muster von Gemeinde aufbauen kann.
Februar 2010 - Dr. Eckhard Bieger
Literatur: Charles Taylor hat in „Ein säkulares Zeitalter“, Suhrkamp 2009, viele der oben angerissenen Fragen im historischen und geistigen Kontext behandelt. Franz Xaver Kaufmann hat in „Religion und Modernität“ den Katholizismus vor dem Konzil in seinen Konturen beschrieben. Mohr-Siebeck, 1989
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